Es gibt Bücher, bei denen die Kulisse fast mehr glänzt als die eigentliche Geschichte.
„Léon und die Frau im blauen Kleid“ von Alexander Oetker ist genau so ein Fall.
Nizza. Sommer. Die Côte d’Azur. Luxusyachten. Champagner. Nobelrestaurants. Die Reichen und Schönen unter Palmen.
Und mittendrin: eine tote junge Frau in einem blauen Kleid, die vom Meer an den Strand gespült wird.
Eigentlich ein Auftakt, der nach einem richtig starken Krimi klingt. Und ja – atmosphärisch kann Alexander Oetker definitiv schreiben.
Ein Ermittler mit Ferrari – Geschmackssache
Commissaire Léon de Cavallier ist kein klassischer Ermittler.
- Er fährt Ferrari.
- Er stammt aus reichem Hause.
- Geld scheint für ihn eher Nebensache zu sein.
Natürlich liefert das Buch Erklärungen dafür, warum jemand mit diesem Hintergrund trotzdem bei der Polizei arbeitet. Das ist nachvollziehbar.
Trotzdem hatte ich beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass hier weniger eine Figur aufgebaut wird – sondern eher eine Art Wunschleben inszeniert wird.
Vielleicht tue ich dem Autor damit unrecht. Aber genau dieser Eindruck blieb bei mir hängen. Und das hat die Figur für mich ein Stück weit weniger greifbar gemacht.
Ein Einstieg, der mich fast verloren hätte
Ich bin ehrlich: Der Anfang hat mich beinahe abgeschreckt.
Schon recht früh landet die Geschichte in einer Bettszene. Und mein erster Gedanke war sofort:
Bitte nicht schon wieder ein Krimi, der seine Handlung mit permanenten Sexszenen künstlich auflädt.
Denn genau das reißt mich oft komplett aus dem Lesefluss. Weil ich dann immer ganze Seiten überspringe, nur um mir dieses Geschwafel nicht antun zu müssen.
Ich habe trotzdem weitergelesen – und das war im Nachhinein die richtige Entscheidung. Denn zum Glück bleibt es nicht dabei.
Wer beim Einstieg ähnliche Gedanken hat, dem sei gesagt: durchhalten, notfalls ein paar Seiten überspringen – in diesem Fall zum Glück nur ein paar Zeilen – und weiterlesen.
Viel Atmosphäre, aber der Kriminalfall bleibt dünn
Hier liegt für mich die größte Schwäche des Buches.
Die eigentliche Krimihandlung ist… okay. Nicht schlecht. Aber eben auch nicht besonders komplex oder packend.
Stattdessen bekommt man sehr viele atmosphärische Beschreibungen. Luxuriöse Restaurants. Exklusive Orte. Edles Essen. Die Côte d’Azur in Hochglanz. Das liest sich durchaus angenehm. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass diese Ausschmückungen mehr Raum einnehmen als der eigentliche Fall. Fast so, als müsste damit die Seitenzahl gefüllt werden.
Und genau das ist schade – denn die Grundidee hätte deutlich mehr Potenzial gehabt.
Nadia bringt die bessere Dynamik
Was mir hingegen gefallen hat: das Ermittlerduo.
Léon und Nadia könnten unterschiedlicher kaum sein.
Und genau das funktioniert. Gerade Nadia bringt eine angenehm direkte, bodenständige Energie in die Geschichte, die dem luxuriösen Überbau gut entgegenwirkt. Ohne sie wäre mir das Ganze vermutlich deutlich schwerer gefallen.
Meine Bewertung: 7 von 10 Punkten
Das Buch ist keineswegs schlecht.
- Die Atmosphäre stimmt.
- Die Kulisse ist stark.
- Das Ermittlerduo hat Potenzial.
Aber:
- 1 Punkt Abzug für den für mich überinszenierten Luxus rund um Léon.
- 1 Punkt Abzug für den Einstieg, der mich beinahe zum Abbruch gebracht hätte.
- 1 Punkt Abzug für den eher dünnen Kriminalfall, der hinter den Kulissenbeschreibungen zurückbleibt.
Fazit
„Léon und die Frau im blauen Kleid“ ist eher ein atmosphärischer Côte-d’Azur-Krimi als ein hochspannender Ermittlerthriller.
Wer Frankreich-Feeling, luxuriöse Schauplätze und ein interessantes Ermittlerduo mag, wird hier durchaus unterhalten.
Wer jedoch einen komplexen, stark konstruierten Kriminalfall sucht, könnte etwas enttäuscht sein.
Für mich ein solides Buch mit schönem Setting, aber verschenktem Potenzial.
Ein herzliches Dankeschön an denVerlag Hoffmann und Campe, der mir „Léon und die Frau im blauen Kleid“ freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Ich weiß das sehr zu schätzen! Wie immer gilt natürlich: Meine persönliche Meinung und Bewertung bleiben davon vollkommen unbeeinflusst – ich rezensiere ehrlich, unabhängig und so, wie ich das Buch erlebt habe.
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