Zusammenfassung:
- Die Autorin wurde durch ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen inspiriert, ein Buch zu schreiben, um deren Geschichten sichtbar zu machen.
- Der Roman beginnt im Gericht, um die Spannung zu erhöhen und die Vorgeschichte der Charaktere zu enthüllen.
- Persönliche Erfahrungen sind zentral im Buch, jedoch nicht autobiografisch, sondern von Lebensgeschichten anderer inspiriert.
- Die größte Herausforderung war das Selfpublishing und die damit verbundene Promotion des Buches.
- Die Autorin wünscht sich, dass ihr Buch zum Nachdenken anregt und Leser motiviert, mit Geflüchteten in Kontakt zu treten.
Die Kurzfassung kennst du jetzt – nun geht es ins Detail. Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen!
Was hat dich ursprünglich dazu inspiriert, mit dem Schreiben zu beginnen?
Die Geschichte. Das Thema. Ich hatte nie diesen großen Wunsch, ein Buch zu schreiben. Ich habe viele Unterrichtsmaterialien geschrieben und auch ein Schulbuch, damit war das Hakerl unter „einmal ein Buch schreiben“ gesetzt.
Dann habe ich vor etlichen Jahren einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling bei mir aufgenommen. Er hatte kurz zuvor einen ablehnenden Bescheid in 1. Instanz bekommen. Wir haben uns gemeinsam auf seine Beschwerdeverhandlung vorbereitet und ich habe viel von seiner Geschichte erfahren und eine Menge über seine Herkunftsländer gelernt. Dabei haben wir zum ersten Mal darüber gesprochen, dass daraus einmal ein Buch werden könnte.
Durch meine Arbeit mit Geflüchteten habe ich ähnliche Lebensgeschichten kennengelernt und unzählige bewegende Erlebnisse gehört. Irgendwann wurde mir klar, dass ich darüber schreiben möchte. Nicht primär über die Not der Menschen, sondern ich wollte zeigen, dass wir hier etwas bewirken können.
Es wurde keine reale Biografie, sondern ein Roman, in dem viele wahre Geschichten verwoben sind.
Also eigentlich habe ich das Thema nicht gesucht, es hat mich gefunden.
Wie entstand bei dir die Geschichte – eher mit einer Idee, einer Figur oder einer bestimmten Szene?
Am Anfang stand eindeutig die Idee, das Thema. Ich wusste aber von Anfang an, dass ich keine reine Fluchtgeschichte schreiben wollte. Solche Geschichten gibt es viele, und ich wollte weder eine einzelne Lebensgeschichte nacherzählen, noch das Leid eines Menschen in den Mittelpunkt stellen. Viel Bedeutender war für mich die Frage: Was passiert danach? Was bewirken Begegnungen? Und warum gelingt Integration manchmal – und manchmal nicht?
Sehr früh entstand die Idee, den Roman im Gericht beginnen zu lassen – so, wie die Richterin Karim kennenlernt. Sie entscheidet, ob er in Österreich bleiben darf oder nicht. Dieser Rahmen hat mich gereizt, weil er Spannung erzeugt und gleichzeitig Raum schafft, die Vorgeschichte Stück für Stück aufzurollen. Ebenso ist dadurch das Ende vorbestimmt. Verhandlung aus, Roman (fast) aus.
Die Figuren waren ziemlich klar, wenn auch nicht exakt nach ihren echten Vorbildern. Mein Roman kennt keine Helden und keine Bösewichte, sondern Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Blickwinkeln.
Bevor ich dann die ersten Sätze getippt habe, habe ich mir eine Zeitleiste gemacht (was natürlich sehr schwierig ist, wenn von einem Land die Rede ist, wo Zeit und Jahreszahlen keine Rolle spielen), die Figuren ausgearbeitet und den Roman grob geplottet.
Welche Rolle spielen persönliche Erfahrungen in deinem Buch?
Eine Hauptrolle. Allerdings nicht im Sinne einer Autobiografie oder einer nacherzählten Lebensgeschichte.
In den Roman sind viele persönliche Erfahrungen eingeflossen: meine eigenen, vor allem in die zweite Hälfte der Geschichte, aber auch die meines Pflegesohnes und die Erfahrungen anderer Geflüchteter und der Menschen, die hier den Geflüchteten begegnet sind. Diese Erfahrungen haben meine Figuren, ihre Gedanken und viele beschriebene Ereignisse und Situationen geprägt. Ich habe die Menschen, an deren Geschichten ich mich im Roman angelehnt habe, nie gefragt: „War das so?“, sondern immer: „Könnte das so gewesen sein?“.
Ich denke, dieses Thema kann man gar nicht durch Recherche erfassen. Und wie sich Angst, Hoffnung, Fremdsein und Vertrauen anfühlen, versteht man hauptsächlich durch persönliche Begegnungen.
Wie gingst du mit Schreibblockaden oder kreativen Tiefphasen um?
Eigentliche Schreibblockaden hatte ich kaum. Ich begann den Roman und schrieb die ersten zwanzig Seiten (von schlussendlich 300). Dann verschwand das Manuskript für einige Jahre in der Schublade. Andere Dinge waren wichtiger.
Der entscheidende Impuls kam im Oktober 2025. Bei einem Fest führte ich ein intensives Gespräch mit einem Studenten. Es ging um Flucht, Integration und darüber, wie wichtig Begegnungen sind. Am nächsten Tag überarbeitete ich den Plot und beschloss, genau diesen Gedanken zum Kern des Romans zu machen. Ab diesem Moment wusste ich genau, was ich erzählen wollte, ich hatte den Roman im Kopf.
Gibt es eine Figur aus deinem Werk, mit der du dich besonders verbunden fühlst – und warum?
Ja, sogar mehrere. In erster Linie natürlich Ida, Karims Pflegemutter.
Sie ist eine starke und zugleich schwache, zweifelnde Frau. Sie organisiert alles Notwendige für die Verhandlung, sie ist schnell mit der mutigen Idee, Karim aufzunehmen. Doch dann hinterfragt sie ihren Mut: war sie vorschnell, kann sie das bringen? Gerade diese Unsicherheit macht sie für mich glaubwürdig.
In Ida sehe ich viele offene, tolerante Menschen, die doch ihre Zweifel gegenüber Geflüchteten haben. Ida bekommt die Chance, hier Mut zu beweisen und die Begegnung mit Karim ist schlussendlich auch für sie bereichernd. Wieviel von mir in Ida steckt… manchmal weiß ich es selbst nicht.
Und natürlich fühle ich mich mit Karim verbunden. Mit diesem offenen, neugierigen Jungen, der sich nie beklagt (oder es nicht wagt, sich zu beklagen) und seine Offenheit und seinen Humor bis zum Schluss bewahrt.
Wie sieht dein typischer Schreiballtag aus? Hast du feste Routinen?
Nein. Manchmal habe ich nach dem Frühstück begonnen und mit wenigen Unterbrechungen bis in die Nacht hinein geschrieben. Dann wieder habe ich nur eine halbe Stunde geschrieben und diesen Teil am nächsten Tag wieder gelöscht. Während der intensiven Schreibphase war die Geschichte in meinem Kopf immer präsent, von der Früh bis zum Einschlafen, beim Autofahren, in der U-Bahn, beim Einkaufen, immer. Das eigentliche Schreiben war dann oft nur der letzte Schritt, vieles entstand schon vorher in meinen Gedanken.
Welche Autoren oder Werke haben deinen Schreibstil am meisten geprägt?
Das kann ich gar nicht eindeutig beantworten. Es gibt so viele, deren Sprache ich bewundere und bei denen ich mir manchmal denke: so möchte ich mich ausdrücken können. Ich bin nebenbei auch Fotografin (vor allem fotografiere ich Vögel) und genauso ist es da: bei manchen Fotos von Kolleginnen oder Kollegen denke ich mir auch: Dieses Foto hätte ich gerne selbst gemacht.
Beim Schreiben meines Romans habe ich aber versucht, mich davon nicht leiten zu lassen Ich wollte keine fremde Stimme übernehmen, sondern meine eigene finden. Deshalb habe ich geschrieben, wie es aus mir gekommen ist. Eine Testleserin hat mich durch ihr Feedback bestärkt: „Lass dir nur nichts von deinem einzigartigen Stil weglektorieren.“
Was war die größte Herausforderung bei deinem bisherigen Projekt?
Immer die, vor der ich gerade stehe.
Erst das Lektorat – hier habe ich leider zuerst schlechte Erfahrungen gemacht. Dann der Buchsatz – unglaublich herausfordernd, da ich unbedingt zwei unterschiedliche Schriften verwenden wollte. Und jetzt ist es die Promotion. Ich habe mein Buch im Selfpublishing veröffentlicht und hier beginnt dann noch einmal ein völlig neues Projekt, eine neue Herausforderung. Plötzlich geht es darum, Lesungen zu organisieren, Flyer drucken zu lassen, Buchhandlungen anzuschreiben, Social Media zu bespielen und das Buch an die Menschen zu bringen, für die ich es geschrieben habe.
Nachträglich gesehen wäre es klug gewesen, schon im Vorfeld das Buch bekannt zu machen. Ich habe mich aber immer ganz auf den Schritt konzentriert, der gerade vor mir lag.
Welche Botschaft oder welches Gefühl möchtest du deinen Lesern mitgeben?
Meine Lieblingsfrage. 😊
Ich habe mich oft gefragt, ob etwas bleibt, wenn das letzte Wort gelesen ist.
Ich wünsche mir, dass mein Buch nach dem Lesen nicht endet, sondern nachwirkt und zum Nachdenken anregt. Dass die Leserinnen und Leser ganz nebenbei etwas über andere Kulturen erfahren und verstehen, warum Menschen alles zurücklassen müssen. Warum Eltern manchmal die unvorstellbare Entscheidung treffen, ihre Kinder allein auf den Weg zu schicken. Vor allem aber wünsche ich mir, dass der Roman zeigt, was Begegnungen bewirken können – auf beiden Seiten.
Besonders glücklich macht mich, dass sich genau das in vielen Rückmeldungen zeigt. Fast alle schreiben, dass sie das Buch berührt und zum Nachdenken angeregt hat. Eine Leserin erzählte mir sogar, sie denke seit der Lektüre mit ihrem Partner darüber nach, eine Patenschaft für einen jungen Geflüchteten zu übernehmen. Mehr kann ich mir eigentlich nicht wünschen.
Woran arbeitest du aktuell – und worauf dürfen sich deine Leser in Zukunft freuen?
Tatsächlich arbeite ich im Moment daran, mein Buch zu den Menschen zu bringen. Mir liegt das Thema wirklich am Herzen, und deswegen möchte ich, dass möglichst viele Menschen die Geschichte entdecken.
Das war auch einer der Gründe, warum ich auf keinen Verlag warten wollte (ich habe auch keinen angeschrieben), sondern mich für das Selfpublishing entschieden habe.
Ob wieder ein Buch kommt, weiß ich nicht – ich schau mal, ob mich wieder ein Thema findet.
Vielen Dank für das Interview!
Liebe Waltraud,
vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses ausführliche und sehr persönliche Interview genommen hast. Es war beeindruckend, mehr über die Entstehung deines Romans, deine Arbeit mit Geflüchteten und die vielen wahren Geschichten zu erfahren, die in dein Buch eingeflossen sind. Besonders berührt hat mich deine Sichtweise, dass Begegnungen das Leben von Menschen auf beiden Seiten verändern können – genau diese Botschaft spürt man auch in deinen Antworten.
Ich wünsche dir von Herzen, dass dein Buch viele Leserinnen und Leser erreicht und genau das bewirkt, was du dir erhoffst: zum Nachdenken anregen, Verständnis schaffen und vielleicht sogar den Mut wecken, selbst auf andere Menschen zuzugehen. Für die Vermarktung deines Romans, zukünftige Lesungen und alles, was noch vor dir liegt, wünsche ich dir viel Erfolg.
Vielen Dank für das offene Gespräch und alles Gute für deinen weiteren Weg als Autorin!
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